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| Entwicklung des deutschen Redispatches 2022 bis 2025. Zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken Quelle: Smard.de |







Einerseits kann man in Brüssel darauf verweisen, dass die Versorgung in Europa besser ist als in Asien oder in Australien, wo Treibstoff inzwischen sogar rationiert wird. Das liegt daran, dass diese Länder direkt von Lieferungen aus der Golfregion abhängig sind, während die EU Öl und Gas vorwiegend aus Norwegen und den USA bezieht. Vor den Preiseffekten der globalen Angebotsverkürzung schützt das aber nicht. Und die Erneuerbaren dämpfen nur die Auswirkungen der hohen Öl- und Gaspreise auf den Strompreis.
Verkehr, Gebäudeheizungen und vor allem die Industrie sind weiter überwiegend auf fossile Brennstoffe oder fossile Rohstoffe angewiesen. Unter anderem auch deswegen, weil die EU bei der Elektrifizierung des Energieverbrauchs nicht vorankommt. Der Absatz von Elektrofahrzeugen hat zwar zugelegt aber angesichts des Bestandes hat nur ein Auto von 30 einen elektrischen Antrieb. Bei den Wärmepumpen sieht es nicht besser aus. Seit Jahren ist die Elektrifizierungsquote festgenagelt bei rund 23 Prozent.
In Brüssel wird angesichts der Entwicklung im Nahen Osten betont, dass die Stromerzeugung aus Sonne und Wind einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit leiste. Das ist grundsätzlich richtig, aber das trifft natürlich auch auf die heimische Kohle zu. Selbst importierte Kohle ist unter dem Gesichtspunkt der Versorgungssicherheit zuverlässiger als Erdgas, weil es weltweit viel mehr Lieferanten für Kohle als für Gas gibt. Der Kohlepreis ist in den vergangenen Wochen deswegen auch nur um moderate 15 Prozent gestiegen.
Einen Beitrag zur Versorgungssicherheit könnte auch die heimische Produktion von Öl und Gas leisten. Aber die ist in den vergangenen Jahren systematisch heruntergefahren worden. Fracking-Gas kaufen die Europäer lieber in Amerika statt die eigenen Möglichkeiten zu nutzen.
Es ist deswegen kein Zufall, dass der Bundeskanzler nicht mehr unter allen Umständen am geplanten Kohleausstieg festhalten will. „Wir werden möglicherweise laufende Kohlekraftwerke länger am Netz lassen müssen“, sagte Friedrich Merz beim FAZ-Kongress. Es sei wichtig, die Energiepolitik vom „Kopf auf die Füße“ zu stellen. „Ich bin nicht bereit, den Kern unserer Energieversorgung aufs Spiel zu setzen, bloß weil wir da vor Jahren Ausstiegsdaten beschlossen haben.“
Auch in Brüssel wächst die Einsicht, dass die Politik die zeitlichen Dimensionen der Energiewende unterschätzt hat. Windräder und Solaranlagen fallen nicht vom Himmel, neue Kraftwerke, Leitungen und Industrieanlagen müssen gebaut und finanziert werden. Ein Elektroauto ist schnell verkauft, aber die dazu gehörige Infrastruktur nur langsam aufgebaut. Europa wird deswegen noch lange nicht ohne fossile Energieträger auskommen.
Öl- und Gaskonzerne setzten wieder auf „black“ statt „green“
Das haben inzwischen auch die Unternehmen gemerkt. Vor allem die großen Ölmultis kehren wieder zu ihrem traditionellen Geschäftsmodell zurück, sagt die NGO „Clean Creatives“, die die Werbestrategien von Exxon Mobil, Shell, BP und Chevron untersucht hat. Galten diese Firmen vor einigen Jahren noch als Partner der Energiewende, setzten sie inzwischen wieder auf die Expansion von Öl und Gas.
Ihre Klimaziele hätten die Firmen weitgehend aufgegeben und propagierten die fossilen Energien wieder als Teil der Lösung. Shell etwa präsentiere sich nicht mehr als Marktführer bei Null-Emissionen, sondern setze auf das Wachstum des LNG-Marktes.
Den kosequentesten Kurswechsel hat British Petroleum eingeleitet. Unter dem Motto „Back to black“ hat BP seine Solartochter Lightsource verkauft und seine Windparks in ein Joint-Venture ausgelagert. In dieser Woche hat die Amerikanerin Marguerite O’Neill, eine leidenschaftliche Anhängerin fossiler Energien, die Leitung von BP mit dem Auftrag übernommen, die grüne Wende der vergangenen Jahre endgültig abzuwickeln.
Dabei stellt sich die fossile Lobby auf eine langfristige Auseinandersetzung mit der Klimalobby ein. Die Aktivisten haben in den vergangenen Jahren eine Reihe von Urteilen erstritten. Vor den Gerichten zweifeln die Anwälte der fossilen Energie nicht länger an der Erderwärmung, bestreiten aber jede individuelle Verantwortung der Unternehmen.
Der Klimawandel werde durch die Nachfrage der Gesellschaft nach Energie verursacht. Chevron und Shell berufen sich dabei auf den 5. IPCC-Bericht. Danach hängen die Emissionen von der Größe der Bevölkerung, der Wirtschaftstätigkeit, dem Lebensstil und dem Energieverbrauch ab. Ähnlich argumentierte RWE in einer Auseinandersetzung mit einem Bauern aus Peru: Energie werde schließlich für den allgemeinen Wohlstand erzeugt.
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| Tom Weingärtner Quelle: E&M |















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