Weiter runter als anderthalb Kilometer soll es fürs Erste nicht gehen. Bei ihren Ambitionen, die Tiefengeothermie für die Wärmewende zu nutzen, peilen die Stadtwerke Münster zunächst die mittleren Gesteinsschichten an. Nach den seismischen Untersuchungen aus dem Jahr 2024 glaubt der Versorger, in einer Tiefe von 900 bis 1.500 Metern in ausreichendem Maße fündig zu werden.
// VON Volker Stephan MEHR...
Glauben ist nicht wissen. Trotz des viel versprechenden 3D-Abbildes, das den Westfalen inzwischen auf der Basis von 500 Terabyte an Daten vorliegt, bringt Markus Bieder das Restrisiko bei einem Gespräch mit Journalistinnen und Journalisten am 29. April in Erinnerung. In 20 Prozent aller Tiefenbohrungen in Deutschland, so lehre die Erfahrung aus anderen Bundesländern, schlage die Suche nach Tiefenwasser per Probebohrung fehl. Deswegen, so der Leiter Wärme- und Stromerzeugung beim Versorger, „gilt für uns weiter der Grundsatz: gründlich vor schnell“.
Also überstürzen die Münsteraner ihr weiteres Vorgehen nicht. Gleichwohl würden nicht wenige in der Stadt und beim kommunalen Versorger wohl gerne alsbald wissen, ob die bisherigen Investitionen am Ende Früchte tragen. Denn immerhin die Hälfte von bis dato ausgegebenen 12 Millionen Euro flossen aus eigener Tasche.
Standort für Bohrung und Heizwerk könnte am Stadthafen seinUnd die nächsten 5 Millionen Euro sind als Posten bereits einkalkuliert. Denn dieser Betrag wird für eine Bohrung fällig, die den Weg zum Thermalwasser weisen soll. Diese peilen die Stadtwerke für das Jahr 2028 an. Zuvor müssen sie einen geeigneten Standort gefunden haben, denn auf die Probebohrung folgt in der Nachbarschaft zumeist auch der Bau des Heizwerks, das aus der Temperatur des Wassers die Energie für das Fernwärmenetz auskoppeln soll.
Wenn es nach Markus Bieder und Carsten Lehmann, dem Geothermie-Projektleiter bei den Stadtwerken, geht, melden die Stadtwerke sich noch in diesem Jahr mit der finalen Entscheidung für die Bohrstelle wieder. Ein Favorit schält sich bereits heraus – nicht ganz überraschend handelt es sich dabei um eine Fläche, die der Versorger nicht erst umständlich anwerben muss. Fast in Rufweite zu Zentrale und Gaskraftwerk am Binnenhafen gehört den Westfalen noch eine Lager- und Parkfläche.
Dieses Areal spielte bereits eine Rolle, noch bevor die Stadtwerke im Jahr 2024 die Rüttellaster durch die Gegend schickten (wir berichteten). Dank der Daten aus dem Untergrund sind die Verantwortlichen nun zuversichtlich, dass die potenzielle Bohrstätte nicht zu weit entfernt von den vermutlich wasserführenden Schichten liegen dürfte.
Das Jahr 2027 wollen die Stadtwerke nutzen, um für die dann festgelegte Bohrstelle den Pfad in die Tiefe zu planen sowie einen Hauptbetriebsplan für das Heizwerk zu erstellen. Für diese Zeit kündigt sich Hilfe aus Krefeld an: Der Geologische Dienst des Landes NRW hat Münster für eine eigene Forschungsbohrung auserkoren, um exemplarisch das Potenzial der Geothermie für das Münsterland zu erkunden. Mit den Erkenntnissen daraus, so Carsten Lehmann, könnten die Stadtwerke möglicherweise noch feiner justieren, wohin die eigene Bohrung in der Tiefe führen soll.
Das schwarz-grüne Kabinett in Düsseldorf hat die Arbeit der Münsteraner ohnehin ganz oben in den Landesvorhaben zur Tiefengeothermie angesiedelt. In Nordrhein-Westfalen gibt es bis heute kein solches Heizkraftwerk, Bayern zum Beispiel ist auf diesem Gebiet um Längen voraus. Markus Bieder hofft daher, dass Münster weiter als „Leuchtturm“ für die Tiefenwärme in ganz NRW strahle.
Zwar gibt es mit der KfW-Bank und der Münchener Rückversicherung (Munich Re) zwei Institutionen, die das Risiko fehlschlagender Bohrungen zu einem wesentlichen Teil auffangen könnten. Doch allzu viele Fehlversuche wollen die Münsteraner sich nicht erlauben. Ob es im Zweifel eine zweite, wieder etwa 5 Millionen Euro teure Bohrung an anderer Stelle geben werde, wollte Markus Bieder daher weder in Aussicht stellen noch ausschließen.
„Aber natürlich haben wir einen Plan B“, sagte er bei der Vorstellung der Pläne. Der würde im schlechtesten Fall eine Abkehr von der Geothermie bedeuten – und damit, so Bieder, die Wärmewende in Münster teurer machen. Zu den verabredeten oder bereits verwirklichten Projekten Solarthermie und Großwärmepumpen müsste dann ein anderer dritter Baustein hinzukommen.
Die Geothermie als Säule der Fernwärme habe hingegen den klaren Vorteil, im
Vergleich zum heute dominierenden Gas günstig zu sein und bei den Kosten kalkulierbar zu bleiben. „Riesige Preisschwankungen haben wir nicht“, so Markus Bieber. Und so setzt Münster weiter alle Hoffnungen darauf, künftig bis zu 50 Prozent der benötigten Fernwärme aus dem Untergrund speisen zu können. „Wir sind zuversichtlich“, so Markus Bieder.
// VON Volker Stephan WENIGER