EUROPA. Der europäische Übertragungsnetzbetreiber-Verband „ENTSO-E“ legt sieben Empfehlungen zum Schutz kritischer Strominfrastrukturen vor.
Der Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber, European Network of Transmission System Operators for Electricity (ENTSO-E), hat sieben Empfehlungen zur Stärkung der Sicherheit kritischer Strominfrastrukturen in Europa vorgelegt. Das am 31.
August veröffentlichte Positionspapier soll die laufenden Diskussionen auf EU-Ebene zur Energiesicherheit unterstützen.
// VON Susanne Harmsen MEHR...
Entso-E sieht das europäische Stromsystem zunehmend mit physischen Risiken und Cyberangriffen konfrontiert. Die Resilienz der Strominfrastruktur müsse deshalb über rein technische Anforderungen hinausgehen und Versorgungssicherheit, physischen Schutz sowie Cybersicherheit gemeinsam berücksichtigen, heißt es in dem Papier.
Ein zentrales Anliegen des Verbands ist eine harmonisierte und integrierte Risikobewertung für den Energiesektor. Administrative Grenzen zwischen Staaten sollen dabei eine geringere Rolle spielen.
Zudem fordert Entso-E Mindeststandards für die Absicherung kritischer Netzkomponenten. Diese sollen unter anderem die Betriebsbereitschaft, physische Schutzmaßnahmen, Redundanzen, Reservekapazitäten und abgestimmte Verfahren zur Wiederherstellung umfassen. Der Verband erklärt sich bereit, entsprechende Leitlinien zu erarbeiten.
Zuständigkeiten klarer regelnNach Ansicht von Entso-E müssen die Rollen von Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB) und nationalen Behörden beim Schutz der Strominfrastruktur eindeutiger festgelegt werden. Das betrifft unter anderem die Überwachung und Erkennung physischer und hybrider Bedrohungen, die Ausrufung von Krisenlagen, koordinierte Lastabwürfe sowie Maßnahmen zur Eindämmung und Wiederherstellung.
Entso-E will dafür eine Struktur für die Zusammenarbeit zwischen ÜNB und Behörden bei Infrastrukturschutz und Wiederherstellungsplanung vorschlagen. Besonders beim Schutz grenzüberschreitender Offshore-Infrastruktur sieht der Verband einen Bedarf für eine stärkere regionale Zusammenarbeit.
Ein regionaler Rahmen soll die Erkennung von Bedrohungen, sichere Kommunikation und die Koordinierung von Schutzmaßnahmen auf See verbessern. Zugleich spricht sich Entso-E für eine Harmonisierung und Verschärfung der strafrechtlichen Folgen bei Eingriffen in kritische maritime Infrastruktur aus.
Unterschiedliche nationale Regelungen könnten andernfalls ausgenutzt werden.
Auch die Wiederherstellung beschädigter Infrastruktur stellt laut Entso-E eine Herausforderung dar. Für bestimmte Netzkomponenten gebe es nur eine begrenzte Zahl spezialisierter Anbieter, häufig die ursprünglichen Hersteller. Das könne im Krisenfall zu Engpässen führen.
Ressourcen schneller verfügbar machenFür Notfälle schlägt Entso-E zudem Flexibilitätsregelungen vor, die einen schnelleren grenzüberschreitenden Einsatz von Ausrüstung und Dienstleistungen ermöglichen sollen. Auftraggeber könnten demnach öffentlich beschaffte elektrische Ausrüstung, Netzkomponenten oder spezialisierte Dienstleistungen weiterverkaufen oder untereinander tauschen.
Darüber hinaus soll es möglich sein, Abrufrechte aus bestehenden Rahmenverträgen zwischen Behörden zu übertragen. Eine Behörde könnte einer anderen damit ermöglichen, direkt Bestellungen auf Grundlage bestehender Verträge aufzugeben, ohne ein neues Vergabeverfahren einzuleiten. Nationale rechtliche Anforderungen sollen dabei berücksichtigt werden.
Beim Umgang mit Informationen über kritische Infrastruktur fordert Entso-E sicherheitssensible Transparenzregeln. Der EU-Rahmen müsse klarere Ausnahmen von Transparenzpflichten aus Sicherheitsgründen vorsehen. Der Verband nennt dabei insbesondere Angaben zu Standorten und Konfigurationen von Leitstellen sowie detaillierte Geodaten.
Dies sei vor allem bei künftigen, von der EU finanzierten Netzprojekten relevant, die unter die überarbeitete Verordnung zu den transeuropäischen Energienetzen (TEN-E) fallen. Ziel sei es, eine unbeabsichtigte Offenlegung sicherheitsrelevanter Informationen zu verhindern.
Finanzierung als Teil der SystemkostenAls siebtes Handlungsfeld nennt Entso-E die Finanzierung des Infrastrukturschutzes. Sicherheitsmaßnahmen sollten in nationalen Tarifsystemen als notwendige Systemkosten anerkannt werden, fordert der Verband.
Auch EU-Finanzierungsinstrumente sollten gezielt zum Schutz der Stromnetze beitragen. Entso-E nennt unter anderem den geplanten Fonds für Kabelinfrastruktur, die Fazilität „Connecting Europe“ für den Energiebereich (CEF-E) und künftige Instrumente wie den Wettbewerbsfähigkeitsfonds.
Mit den Vorschlägen will Entso-E nach eigenen Angaben die laufenden EU-Initiativen zur Energiesicherheit unterstützen. Dazu zählen die anstehende Überprüfung des Sicherheitsrahmens, die europäische Toolbox zum Schutz von Unterseekabeln, das geplante Drohnenpaket, das Paket für europäische Stromnetze sowie eine Liste europäischer Verteidigungsprojekte von gemeinsamem Interesse.
Das
Positionspapier zur Sicherheit der ENTSO-E steht im Internet bereit.
(sh)
// VON Susanne Harmsen WENIGER