Seit 1989 verursacht der Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR) nur noch Kosten und Negativschlagzeilen. Die Anlage im westfälischen Hamm ist seitdem stillgelegt und harrt seit Jahrzehnten ihrem Abriss. Die von RWE angeführte Betreibergesellschaft Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH (HKG) war im September 2025 in die vorläufige Insolvenz gerutscht. Vor der vollständigen Pleite gibt die Landesregierung Nordrhein-Westfalens (NRW) nun Entwarnung.
// VON Volker Stephan MEHR...
Es sei „haarscharf“ vor der vollständigen Zahlungsunfähigkeit der HKG gelungen, die bisherigen Finanzpartner zu einer Einigung zu bewegen. Das sagte die Staatssekretärin im NRW-Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie (MWIKE), Silke Krebs (Grüne), vor dem Wirtschaftsausschuss des Landtags.
Volker Dannert, technischer Geschäftsführer der HKG, hatte im September vergangenen Jahres angekündigt, Mittel für nur noch zwölf Monate zur Verfügung zu haben, und den vorsorglichen Insolvenzantrag damit begründet (wir berichteten).
Die Mittel für den sicheren Einschluss der Kraftwerksruine wurden knapp, weil der Bund sich 2022 aus der Zahlungsroutine verabschiedet hatte. Die HKG-Gesellschafter waren gemäß Verträgen weder verpflichtet einzuspringen noch ihre eigenen Zahlungen aufrechtzuerhalten.
HKG-Gesellschafter geben noch einmal Geld und FlächenIn der Folge und nach Gerichtsurteilen rutschte die Verantwortung für den Meiler an das Land NRW, das als Atomaufsicht die Sicherheit gewährleisten musste. Schon seit Dezember 2025 sei die HKG weitgehend handlungsunfähig gewesen, sagte Krebs weiter. Den umgehenden Auftrag für die Ersatzversorgung der Anlage hatte daraufhin die SPIE Sat GmbH in Worms erhalten.
Laut Staatssekretärin Krebs gibt es nun eine Einigung zwischen Bund, Land und den Gesellschaftern der HKW, namentlich RWE, Eon sowie die Stadtwerke Hagen, Bielefeld, Lüdenscheid, Wuppertal und Aachen. Demnach wollen die Unternehmen noch einmal Geld in die HKG schießen, um den Betrieb des sicheren Einschlusses zu gewährleisten. Dazu wollen die Gesellschafter Sachmittel bereitstellen. Das könnten zum Beispiel Flächen rund um den THTR sein, um Ablageflächen für den ab 2030 vorgesehenen Abriss zu haben.
Der Vertrag über diese Einigung soll noch bis Ende des Jahres unterschriftsreif sein, so Krebs. Das müsse allerdings „unter Hochdruck“ erfolgen. Danach solle die HKG in Bundeseigentum übergehen. Die HKG solle an die Entsorgungswerk für Nuklearanlagen GmbH (EWN) gehen und darin für den Rückbau des THTR weiterbestehen. Die EWN-Gruppe gehört zu 100 Prozent dem Bund und stemmt die Abwicklung der Atomkraftwerke in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.
Über die Höhe der Kosten für weiteren Einschluss und Abriss kursieren unterschiedliche Angaben. 2022 war von mehr als 700 Millionen Euro die Rede, diese Summe könnte inzwischen über 1 Milliarde Euro liegen. Das NRW-Finanzministerium hielt auf Anfrage dieser Redaktion an einer Summe von unter 1 Milliarde Euro fest. Eine Sprecherin gab aber zu bedenken, dass die tatsächlichen Gesamtkosten auch von der Preisentwicklung während des Rückbauzeitraums abhingen.
Die Aufteilung der weiteren Kosten zwischen Bund und Land folge einem bestimmten Kostenschlüssel, so Krebs im
Ausschuss. Wie genau der aussieht und welche Beteiligung der Altgesellschafter möglich ist, kam im Ausschuss nicht zur Sprache und ist in den Verträgen zu klären.
Das MWIKE
erklärte auf Anfrage dieser Redaktion, für den laufenden Betrieb allein im
Jahr 2026 mit vermutlich 5 Millionen Euro in Vorleistung zu treten. Dieses Geld wolle das Ministerium von
Mona Neubaur (Grüne) bei der rekapitalisierten HKG oder „andernfalls“ beim Bund geltend machen. Hintergrund:
Das Land sei im Zuge der Bundesauftragsverwaltung tätig geworden.
Die Baukosten für den THTR
in Höhe von 2 Milliarden Euro hatten seinerzeit der Bund zu 69 Prozent und das Land zu 11 Prozent getragen, die öffentliche Investitionszulage in Höhe von 10 Prozent nicht eingerechnet. Der THTR war auf eine elektrische Leistung von 300 MW ausgelegt. Das Innovative des 1971 in Bau gegangenen Projekts waren zu Kugelhaufen angeordnete Brennelemente, die aus Graphit sowie aus aus Thorium gewonnenem Uran bestanden.
Nach etlichen Verzögerungen ging der Reaktor 1983 in den Probebetrieb, 1985 speiste er erstmals Strom ein. Die Kugelelemente brachen allerdings, weitere Pannen und Störfälle brachten das Vorhaben endgültig zu Fall. Seit 1989 ist der THTR stillgelegt. (vs)
// VON Volker Stephan WENIGER