Wie kann Europa seine wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit stärken und unabhängiger werden? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Leaders Collaboration Forum der BMW Foundation Herbert Quandt am 15. und 16.
Oktober in Berlin. Mehr als 300 Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft diskutierten auf dem EUREF-Campus über Wege, Innovationen schneller in die Anwendung zu bringen. Zu den Teilnehmern gehörten der Wirtschaftsnobelpreisträger Philippe Aghion, der frühere Präsident des Europäischen Rates Charles Michel und Google-Europachef Philipp Justus.
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Ein Schwerpunkt lag auf der Frage, wie Europa seine vorhandenen wirtschaftlichen und technologischen Stärken besser nutzen kann. Aghion warb für höhere staatliche Investitionen in Innovationen und eine Förderagentur nach dem Vorbild der US-amerikanischen Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA). Zudem brauche Europa eine neue Fehlerkultur, die das Scheitern bei der Entwicklung neuer Lösungen nicht als Makel betrachte.
Zugleich kritisierte Aghion das Verhältnis zwischen Regulierung und Finanzierung in Europa. Der Kontinent sei ein „regulatorischer Riese, aber in Sachen Budget einen Zwerg“. Europa verfüge über Daten, Marken, Ersparnisse und Energie, müsse diese Ressourcen aber gezielter einsetzen, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein.
Charles Michel, der vor seiner Zeit als EU-Ratspräsident belgischer Ministerpräsident war, verwies auf den Vertrauensverlust in die Europäische Union. Viele Menschen nähmen deren Vorteile nicht mehr ausreichend wahr. Die bisherige EU sei Geschichte, die neue müsse gemeinsam gestaltet werden, sagte Michel.
Auch Lars-Hendrik Röller, Präsident der Wirtschaftshochschule ESMT Berlin und früherer Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, mahnte Reformen an. Angesichts des schwindenden Vertrauens in deutsche und europäische Institutionen müsse Europa Ergebnisse liefern.
Energiewende als Frage der SouveränitätAm ersten Veranstaltungstag stand die Energiesicherheit im Mittelpunkt. Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, sprach sich dafür aus, die Energiewende nicht allein als Klimaschutzprojekt zu betrachten. Sie biete auch wirtschaftliche Chancen, weil Europa mehr Energie selbst erzeugen und dadurch Wertschöpfung in der Region halten könne.
Für den Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) kritisierte Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae die Debatte über die Kosten der Energiewende. Angesichts der hohen Ausgaben für Importe fossiler Energieträger müsse stärker berücksichtigt werden, welchen langfristigen Nutzen Investitionen in die Energieinfrastruktur hätten. Moderne Stromnetze seien auf eine Nutzungsdauer von 30 bis 40 Jahren ausgelegt und kämen damit auch künftigen Generationen zugute.
Die Energiewende sei zugleich eine Frage der Souveränität, Resilienz und Modernisierung, betonte Andreae. Erneuerbare Energien könnten ihr Potenzial erst dann vollständig entfalten, wenn Netze, Speicher und weitere Technologien zu einem integrierten Energiesystem zusammenwüchsen. Dafür brauche es moderne Infrastruktur, Investitionen und geeignete regulatorische Rahmenbedingungen.
Bessere Bedingungen für KIAm zweiten Tag des Forums ging es um Künstliche Intelligenz (KI). Philipp Justus, Vice President Central Europe bei Google, forderte europäische Unternehmen auf, erfolgreiche Innovationen schneller zu skalieren. Während Unternehmen in anderen Weltregionen zügig von Tests zur breiten Anwendung übergingen, verliere sich Europa häufig in weiteren Erprobungsphasen.
Neben Investitionen und geeigneten Rahmenbedingungen hob die BMW Foundation die Bedeutung internationaler Partnerschaften hervor. Heike Schneeweis, Co-Vorstand der Stiftung, erklärte, Europa müsse bestehende Allianzen stärken und neue Formen der Zusammenarbeit nutzen. Der Kontinent bringe technologische Kompetenzen, industrielle Fähigkeiten und Kapital ein, könne aber auch von internationalen Partnern lernen.
Die Stiftung stellte deshalb auch internationale Startups aus ihrem „RESPOND Accelerator“ vor. Die Unternehmen präsentierten Lösungen für moderne Energiesysteme, die Versorgung mit kritischen Rohstoffen, nachhaltige Gebäude, resiliente Städte und die Abscheidung von Kohlendioxid.
Heba Aguib, ebenfalls Co-Vorstand der BMW Foundation Herbert Quandt, betonte, dass Innovationen erst dann Wirkung entfalteten, wenn sie in der Praxis eingesetzt würden und gesellschaftliche Akzeptanz fänden. Dafür müssten Startups, etablierte Unternehmen, Politik und Zivilgesellschaft ihre Kompetenzen zusammenbringen.
(sh)
// VON Susanne Harmsen WENIGER